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Memminger Kabarett-Tage

„Bleiben Sie optimistisch!“

Starker Aufschlag von Vince Ebert zum Auftakt der Memminger Kabarett-Tage

veröffentlicht am 17.03.2025
Vince Ebert im Kaminwerk

Bissige Gesellschaftskritik präsentierte Vince Ebert zum Auftakt der Memminger Kabarett-Tage. Foto: A. Marx

Memmingen (as). Zum Auftakt des 13. Wettkampfes ums Memminger Maul hat der Diplom-Physiker und Kabarettist Vince Ebert die Latte im ausverkauften Kaminwerk mit seinem neuen Programm „Vince of Change“ hoch angesetzt. Für seine gewitzte und intelligente Abrechnung mit der durch verquere Ideologien gesteuerten deutschen Befindlichkeitskultur erntet er kräftigen Applaus.

Seit 25 Jahren bewirbt der Wissenschaftler aus dem Odenwald, der sich als „heiterer Aufklärer“ versteht, auf deutschen Kabarettbühnen und in vielfältigen TV-Formaten die Vorzüge eines faktenbasierten Umgangs mit der Wirklichkeit, basierend auf Vernunft, rationalem Denken und Technologieoffenheit - frei nach dem Motto „Make science great again“.

„Und was hat es gebracht? Sind wir in den letzten Jahren verständiger, besonnener oder gar klüger geworden?“, fragt er das Publikum im Kaminwerk. Es folgt eine erschütternde Bilanz: Die (politische) Realität sei durch Satire kaum noch zu toppen, den allgemeinen Zustand der menschlichen Vernunft karikiert Ebert anhand eines griffigen Beispiels: „Nur 18 Prozent der Bevölkerung tragen einen Fahrradhelm, aber 91 Prozent nutzen eine Schutzhülle für ihr Handy.“ - Wobei das Handy mittlerweile Teil des menschlichen Körpers sei, dessen Befindlichkeit sich am Ladezustand des Akkus ablesen ließe.

Brachiale Bildungslücken

Einen beklagenswerten Zustand attestiert Ebert dem Verstand als Steuerorgan des dergestalt degenerierten Homo Sapiens, zumal dessen Allgemeinwissen brachiale Bildungslücken erkennen lässt (ein Beispiel: Die Definition eines Lichtjahres als Stromrechnung für zwölf Monate).

Von der Wissens- zur Besserwissergesellschaft

„Anstelle der faktenbasierten tritt die gefühlte Realität, kollektives Wissen wird durch individuelles Unwissen ersetzt. Die Welt ist aus den Fugen geraten“, diagnostiziert der Physiker, der in Wien wahlbeheimatet ist. Die Deutschen seien von einer Wissens- zu einer Besserwissergesellschaft mutiert, an deren Spitze eine Minderheit von Apokalyptikern stehe. „Missionieren statt informieren“ laute die Devise, der Fortschritt werde verteufelt und das Lastenfahrrad als technologisches Wunder verkauft.

Der Glaube an die Apokalypse durch den Klimawandel sei ideologisch, völlig unwissenschaftlich und zutiefst pessimistisch. Sein Rat an junge Klimaretter: „Klebt euch nicht fest, dann könnt ihr etwas bewegen.“

Allergisch reagiert Ebert auf überzogene Political Correctness. So sei zum Beispiel er als Mensch mit Sehhilfe kein Brillenträger mehr, sondern „visuell gefordert“. Seinen schwarzen Nachbarn aus Wuppertal als „Person of Colour“ umzudeklarieren, habe keinen antidiskriminierenden Effekt, denn „solche Etikettenwechsel verändern die innere Einstellung nicht“.

Skurrile Zeitgeistblüten

Auch der Genderwahn gehört zu den Zeitgeist-Blüten, deren Auswüchse ihm querschießen: „Wer heute sagt, es gibt nur zwei biologische Geschlechter kann sich eine akademische Karriere versauen.“ Wahre Geschlechtergerechtigkeit findet der Satiriker in Berlin: „Dort gibt es einen Senatsbeschluss, nach dem neue Straßen nur noch nach weiblichen Personen benannt werden dürfen - Sackgassen inbegriffen“, ergänzt er süffisant. Doch es gibt auch positive Entwicklungen, unterbricht Ebert seine bissige Gesellschaftskritik mit verschmitztem Grinsen: „Kürzlich hat ein Mitglied der letzten Generation ein Kind bekommen.“

Befindlichkeitswahn und Humorlosigkeit

Den Befindlichkeitsorgien einer dergestalt neurotischen und gänzlich humorbefreiten Gesellschaft in unserer „unfassbar verklemmten Biedermeierzeit“ stellt der Kabarettist die Bodenständigkeit seines Elternhauses im Odenwald entgegen: „Hätte ich meinem Vater nach dem Abi gesagt, ich muss mich erst mal selbst finden, dann hätte er gesagt: Was red‘sch denn do: Ich hob dich scho gefunde, du steh‘sch doch hier, in meim Haus.“ Sein Fazit: „Früher war nicht alles besser, aber wir waren nicht solche Jammerlappen.“

Im zweiten Programmteil legt der Wahl-Wiener („die Ösis sind viel lockerer“) noch einmal nach, was Gendergerechtigkeit und Diversity betrifft, denn Männlein und Weiblein „ticken nun mal anders“. Und er streift das Thema nationale Identität aus der Sicht eines jungen Türken der dritten Generation: „Wie soll man sich integrieren in ein Land, das sich selbst nicht leiden kann?“ Aufgrund ihres tiefverwurzelten Schuldkomplexes verwechselten die Deutschen Patriotismus mit Nationalismus – „doch wenn ihr nicht stolz auf eure Errungenschaften seid, wie sollen es die Zuwanderer sein?“

Selberdenken statt Politikgläubigkeit

Ebert schließt sein Programm mit einem nachhaltigen Appell an die Tugend des Selberdenkens („kostet allerdings Energie und ist nicht klimafreundlich“) weg von der unseligen Vertrauensseligkeit in die Politik: „Menschen, die den Dreisatz für eine Sportübung halten, können nicht den Staatshaushalt sanieren.“ Der Vollkasko-Mentalität setzt er „Eigenverantwortung, Selbstbestimmung, Leidenschaft, Phantasie, Mut und Erfindungsgeist“ entgegen und macht Mut zu unangepasstem Verhalten: „Pinkeln Sie doch mal vom 5 Meter Brett!“. Sein ernstgemeinter Schlussappell: „Bleiben Sie optimistisch!“

Die Memminger Kabarett-Tage laufen noch bis 5. April. Das Programm finden man hier: www.mm-kabarett-tage.de/programm